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Aus dem Band "Unterwegs" Wege nach Santiago, Wege zum Glück
Fotos Katharina John, Texte Götz Loepelmann 2012


Vor Jahren wohnte in diesem Haus Milagros, die Witwe des Imkers, mit ihren Ziegen und Schafen. Sie war bitterarm und schon gebrechlich. Es machte ihr Mühe, in dem nahen Wäldchen das Brennholz zu suchen und nach Hause zu tragen. Im Dorf war sie nicht sonderlich beliebt, weil sie schweigsam war und nicht viel herum erzählte. Denn in so einem Dorf passiert nicht viel Aufregendes und die Menschen brauchen Aufregung, sonst langweilen sie sich. Als dann noch der Nachbarin zwei Ziegen starben, kam das Gerücht auf, dass Milagros eine Hexe sei und die Tiere verhext habe. Und da ihr der beschwerliche Weg jeden Sonntag zur Kirche in da Nachbardorf schwer fiel und sie da nie mehr hin ging, nicht einmal zu Beerdigungen, sagten die Leute, dass sie ganz vom rechten Glauben abgefallen und mit dem Teufel im Bunde sei. Man mied sie also und sah sie mit finsteren Blicken an. Milagros konnte daran nichts ändern und ertrug die Verachtung mit Langmut.
Dann aber geschah etwas Seltsames, ja Wunderbares:
Ein wunderschöner weisser Hirtenhund stand eines Tages vor der Hütte der Alten und bellte und bellte. Niemand wusste, wo er hergekommen war und warum er gerade vor Milagros Haus stand. Milagros gab dem verstossenen Hund Wasser und zu essen, pflegte ihn und bürstete sein schönes weisses Haar. War dies schon wunderlich genug, so geschah es, dass eines Tages, kurz darauf, auch ein weisser Esel vor ihrer Tür stand und mit den Hufen scharrte, als hätte er eine Bitte. Erstaunt führte sie ihn in den alten Stall und nährte und pflegte ihn. Niemand in der Gegend hatte je diesen Esel gesehen. So blieben die Tiere bei der Alten und gediehen aufs Prächtigste, denn sie war eine gütige Frau.
Jetzt stieg sie von ihrem Hocker auf des weissen Esels Rücken und ritt durch das Dorf, lächelnd und glücklich, und der schöne Hund lief hinterdrein. Und wer die drei sah könnte meinen, eine Heilige ritte da.

 

 

 

Prosa